Gedanken zur Jahreslosung 2021 von Pfarrer Horst Rüb

Barmherzig ist nicht immer nett. „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36).

Dieses Bibelwort steht in der Evangelischen Kirche als Losung über dem Jahr 2021. Für viele klingt das Wort „Barmherzigkeit“ altmodisch und harmlos. Bestenfalls klingt es wie „seid nett zueinander“.

Für viele klingt das Wort „Barmherzigkeit“ altmodisch und harmlos. Bestenfalls klingt es wie „seid nett zueinander“. Aber damit ist es gründlich missverstanden. Im Neuen Testament kann man lesen, wie Jesus Barmherzigkeit ganz konkret gelebt hat. Das war alles andere als harmlos. Er hat sich mit Menschen an einen Tisch gesetzt, die ausgestoßen waren, weil sie anders waren oder weil sie schuldig geworden waren. Er ist ihnen auf Augenhöhe begegnet und hat ihnen damit wieder Anschluss an die Gemeinschaft verschafft. Gaunern wandte er sich zu und ließ die Rechtschaffenen links liegen. Für die Gesellschaft damals war das ein Skandal. Die Menschen waren empört. Aber barmherzig sein, heißt eben nicht immer nur nett sein. Wer Barmherzigkeit lebt, gerät mit den Rechthabern und Unbarmherzigen in Konflikt. Denn Barmherzigkeit brauchen gerade die, die es allein nicht mehr schaffen. Die auf Vergebung und Beistand angewiesen sind, dies aber in den Augen vieler gar nicht verdienen.

Gnadenlos stürzt sich die Öffentlichkeit auf alle, die einen vermeintlichen Fehler gemacht haben. Besonders gern bei Menschen, die in der Politik oder Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Die stehen im Rampenlicht und man kann vortrefflich mit dem Finger auf sie zeigen.
Als man einmal eine vermeintliche Ehebrecherin steinigen wollte, sagte Jesus zu den Anklägern: „wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“  Und alle waren beschämt davon gegangen. Eine Gesellschaft ist nur menschlich, wenn sie auch barmherzig ist. Nachsichtig mit den Schwachen und durchaus nicht immer nett zu den Populisten, Rechthabern und vermeintlichen Querdenkern.